Traumberuf Dramaturg

Ein Dramaturg ist kein Dramatiker, und doch sehr nah am Text. Er ist Kritiker und Publikumsvertreter, die Schnittstelle zwischen Künstlern und Rezipienten, Literatur und Drehbuch, zwischen Theaterleitung und Ensemble. Er ist ein Allrounder - Einer, der sich mit Literatur genauso gut auskennt wie mit aktuellen Inszenierungstrends, jemand, der nicht nur ein Stück, sondern alle Stücke im Blick hat. Er schärft das Profil des Theaters, begleitet Proben und assistiert der Regie. Und als ob das alles nicht genug ist, zählt auch die Öffentlichkeitsarbeit zu seinen Aufgaben, seien es Programmtexte oder Pressekonferenzen. Klingt nach einem Traumberuf, weswegen wir genauer nachfragen möchten. Holger Schröder, Dramaturg am Saarländischen Staatstheater steht uns Rede und Antwort.

Lieber Holger, Dramaturgie kann man im Saarland nicht studieren, generell wird es nur an wenigen Universitäten angeboten. Dazu gibt es Weiterbildungen in diesem Bereich, die man belegen kann. Was hast du studiert bzw. wie kamst zu dem was du heute machst? Was ist deine Meinung zu Studium und Quereinstieg?

Ich habe Theaterwissenschaften, Neuere deutsche Literaturgeschichte und Philosophie in Erlangen studiert. Das ist für den Beruf Dramaturg erst mal ein sehr naheliegendes Studium. In meinem Studienjahr waren aber ganz viele dabei, die entweder gern Schauspieler werden wollten – und bei den Aufnahmeprüfungen abgelehnt worden waren, oder die eine Laufbahn als Redakteur oder Moderator bei Funk und Fernsehen anstrebten. Damals (ich habe im Wintersemester 1983 angefangen zu studieren) ging es gerade so richtig los mit dem Privatfernsehen. Ich habe vor kurzem durch Zufall zwei alte Kommilitonen wieder getroffen – und beim Reden über andere ehemalige Kommilitonen fiel uns auf, dass fast keiner den Weg in die Dramaturgie weiter verfolgt hat.

Es gibt an einigen Universitäten das Studienfach Theaterwissenschaft, München, Berlin oder Köln zum Beispiel, und jede Uni setzt so ihren eigenen Schwerpunkt. Mich hat damals an Erlangen interessiert, dass es in der Uni ein toll ausgestattetes Experimentiertheater gab – da habe ich bereits in der Studentenzeit selber viel praktische Erfahrungen sammeln können. Ebenfalls sehr interessant ist das Institut für angewandte Theaterwissenschaft an der Uni Gießen – da muss man eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Aus dieser Uni sind im Lauf der Jahre viele sehr relevante Künstler hervorgegangen, zum Beispiel Rimini Protokoll oder René Pollesch.

Es gibt aber, um das abschließend zu sagen, keine Vorgaben, was man zu studieren hat, um Dramaturg am Theater zu werden! Man sollte sich auf jeden Fall, egal, was man studiert, bereits während des Studiums um Praktika an Theatern kümmern! Und meines Erachtens empfiehlt sich auf jeden Fall ein geisteswissenschaftliches oder auch ein Sprachenstudium. Nach meinem Studium habe ich ein halbjähriges (natürlich unbezahltes…) Praktikum am Landestheater Detmold absolviert – und wurde dann dort fest übernommen. Das war 1990. Ich bin jetzt also fast 27 Jahre im Beruf.

Wie viele Dramaturgen beschäftigt das saarländische Stadttheater und was sind deine Aufgaben?

Ich arbeite als Schauspieldramaturg am SST; in unserer Abteilung sind es insgesamt drei Kollegen; im Musiktheater kommt ein Weiterer dazu, der auch das Konzertwesen betreut. Das Ballett beschäftigt einen Referenten, der auch dramaturgische, aber darüber hinaus sehr viel organisatorische Aufgaben übernimmt.

Zu meinen Aufgaben gehört, natürlich gemeinsam mit den Kolleginnen und der Intendantin, die Gestaltung des Spielplans, die Auswahl der Regisseure, die bei uns inszenieren, die Absprache über die Besetzungen der jeweiligen Stücke, dann die Produktionsdramaturgie (d.h., man begleitet eine Produktion von der Konzeption bis zur Premiere), die Redaktion des Programmheftes, redaktionelle Beiträge für unsere diversen Publikationen (Theaterzeit, Leporello, Spielzeitheft), Schul- und andere Kontakte zur Öffentlichkeit (Matineen, Einführungen, Publikumsgespräche) – und auch bei den Vorsprechen sind wir Teil der Gruppe, die über Engagements mit entscheidet.

Als Dramaturg arbeitet man eng mit dem Regisseur und den Schauspielern zusammen, ist aber auch nah an der Literatur – sprich man ist Teil des kreativen Prozesses. Gleichzeitig muss man aber auch das Ganze im Blick haben, das Publikum, die Umsetzung, den Spielplan. Was braucht es menschlich gesehen für diesen Job?

Man sollte fähig sein, moderieren zu können – vor allen Dingen zwischen der Regie und den Spielern. Nicht jeder Probenprozess läuft immer nur harmonisch ab. Oft müssen verschiedene Auffassungen über das, was eine Figur gerade machen soll, oder wie sie vielleicht grundsätzlich von der Regie gedacht wird, ausdiskutiert werden. Das ist jetzt auch kein besonders „dramatischer“ Umstand, aber man muss als Dramaturg dazu in der Lage sein, solche Situationen zu bewältigen – in dem man argumentativ zu überzeugen versteht. Ich persönlich sehe meine Aufgabe darin, dabei der Regie und ihren Ideen erst einmal so weit folgen zu wollen, wie es sich auch im Sinne der Realisierung des Ganzen als sinnfällig erweist. Man kann aber auch als Dramaturg sehr gut – und möglichst frühzeitig die Regie darauf hinweisen, wenn die eigene Idee / Konzeption plötzlich nicht mehr dem entspricht, was im Probenprozess abläuft.

Ist die Arbeit eher projektorientiert oder arbeitest du an verschiedenen Dingen parallel?

Als Dramaturg arbeitet man immer parallel; ich, zum Beispiel, arbeite gerade daran, meinen Wechsel nach Braunschweig vorzubereiten und gleichzeitig hier in Saarbrücken noch die letzten Produktionen zu betreuen. Im Mai hatte ich meine letzte Premiere mit einer Uraufführung: „Letzte Nacht“ von Stewart O´Nan. Das ist ein wunderbarer Roman, den der Regisseur Grigory Shklyar und ich für die Bühne adaptiert haben.

Was ist das Schönste an deinem Beruf?

Das Bearbeiten von Stoffen; diese Art der Kreativität befriedigt mich sehr – wenn es dann, wie zum Beispiel bei der Inszenierung von „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ auch beim Publikum sehr gut ankommt, dann ist das ein wirklich sehr toller Moment!

Was machst du, wenn du mit einer echten Diva zu tun hast?

Immer die Nerven behalten!

Lieber Holger, danke, dass du uns deine Zeit geopfert hast. Wir wünschen dir und deiner Familie für euren Neustart in Braunschweig alles Gute.

Holger Schröder

Holger Schröder, geboren in Hannover, studierte Theaterwissenschaft, Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Philosophie an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg.  Nach Stationen in Detmold und Marburg arbeitet er seit 1996 als Dramaturg am Saarländischen Staatstheater. In den letzten Jahren hat er mit dem Regisseur Christoph Diem verschiedene nichtdramatische Texte für die Bühne adaptiert:  u. a. „Ein schlichtes Herz“ von Gustave Flaubert, „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry, „Die Stunde der Komödianten“ von Graham Greene „Der standhafte Zinnsoldat“ nach Hans Christian Andersen oder zuletzt „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ nach Daphne du Maurier mit der Musik und den Songs von Next Stop: Horizon. Regelmäßig moderiert Holger Schröder gemeinsam mit Christoph Diem die „Direktmusik“ in der sparte4. Er ist Autor verschiedener Beiträge für „Reclams neuen Schauspielführer“ und Reclams Rock Klassiker“.

Mit Beginn der Spielzeit 2017/18 wechselt er an das Staatstheater Braunschweig

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