Projekt Piñata über Frauen in der Kreativwirtschaft

Frauen sind keine Anziehpuppen, längst nicht mehr nur Mütter und schon auf Chefpositionen diverser Unternehmen und Institutionen angekommen. Wann hören also die Vorurteile und die Ungleichbehandlung auf? Denn Gleichberechtigung fängt bei der Wahrnehmung an, nicht bei irgendeiner Quote. Zeit, Missstände, Erfolge und Wege zu erläutern und zu hinterfragen: Frauendomäne Kreativwirtschaft? Ein Märchen, das sich hartnäckig hält! Am 12. April wird im Garellyhaus über die Bedingungen für Frauen in der Kreativwirtschaft diskutiert. Wir stellen euch nacheinander die Podiumsteilnehmerinnen vor. Weiter geht's mit den Unternehmerinnen Christine Thull und Karina Hartwahn von Projekt Piñata.
Frauen in der Kreativwirtschaft

Was bedeutet Feminismus für dich in der heutigen Zeit?

Christine: Feminismus bedeutet für mich Gleichstellung. Denn wenn man sich auf den ersten Blick unsere Gesellschaft – sei das im beruflichen oder privaten Kontext anschaut – dann denkt man sich ja: Oh, ist ja alles prima! Frauen dürfen wählen gehen, ihr Nein bedeutet seit kurzem auch wirklich Nein, sie können entscheiden, ob sie Karriere machen wollen usw. Der genauere Blick zeigt jedoch, dass es immer noch Strukturen gibt, die – obwohl die Gesetzeslage ja prima ist – dem entgegenstehen. Warum werden Frauen beim Vorstellungsgespräch gefragt, wer sich denn bitte um die Kinder kümmern wird, wenn diese Frage eigentlich nicht erlaubt ist und Betreuung durch beide Elternteile eigentlich eine viel gefeierte Errungenschaft ist. Warum kenne ich so viele kompetente Frauen – sei es in Anstellung oder als Unternehmerin – und wenn ich dann eine Konferenz, eine Abendveranstaltung besuche, gibt es sowohl auf Speaker- als auch auf Besucherseite nur einen Frauenanteil von unter 10% (bei den Speakern kann man sich schon freuen, wenn es überhaupt 10% sind). Da ist doch irgendwo ein Fehler im System. Den gilt es im modernen Feminismus zu identifizieren und zu beheben, dies aber gemeinsam. Denn moderner Feminismus wird auch von modernen Männern getragen.

Karina: Feminismus ist ein sehr großes Wort, das für jeden eine individuelle Bedeutung hat. Es ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau auf so vielen Ebenen, im privaten und beruflichen Kontext, im politischen Umfeld sowie generell in der Gesellschaft. Es geht schon bei kleinen Sachen los, z.B. ein nur auf den zweiten Blick sexistischer Kommentar, der eine Frau in eine unangenehme Situation bringt. Dieser Frau stellt sich die Frage: Wie reagiere ich darauf. Da fängt das Problem an: Denn egal welche Reaktion sie an den Tag legt, es wird die falsche sein. Zu mädchenhaft. Zu zickig. Unhumorvoll. Feminismus hat in der Vergangenheit schon sehr viel erreicht und bewegt. Jedoch gibt es für ihn und die Frauen, aber auch die Männer noch sehr viel zu tun. Aufklärungsbedarf gibt es noch immer en masse. Feminismus sollte meiner Meinung nach in der heutigen Zeit, Spaß an der Aufklärung sein, damit die oben genannte Frau nicht mehr in die Situation kommen muss.

Wo gibt es heute noch maßgebliche Unterschiede in der professionellen Wahrnehmung von Frauen und Männern?

Christine: Der berühmte erste Eindruck leitet die Wahrnehmung der Menschen und diese ist eben oftmals durch Klischees geprägt. Hierbei sind es vor allem vermeintlich weibliche Attribute, die im Gegensatz zu vermeintlich professionellem Auftreten stehen. Weibliches Rosa wirkt verspielt, männliches Dunkelblau/Schwarz professionell. Die Liste ist sehr, sehr lang. Das geht soweit, dass man sogar nach mehreren Jahren am Markt immer noch als Anfängerin, junges Mädchen, Studentin wahrgenommen wird und Interessenten sich wundern, dass man einen sauber kalkulierten Stundenlohn hat. Dass die Herren im Anzug teuer sind, damit rechnet man, dass die jungen Frauen es sind, eher weniger. Mir wurde auch schon von Situationen berichtet, dass die Mitgeschäftsführerin eines Unternehmens als Assistentin ihres männlichen Partners eingeordnet wurde. Man hat nicht gefragt, sondern ist einfach davon ausgegangen. Das macht den Kampf um Erfolg – und das ist ja das Unternehmerdasein – gleich doppelt so anstrengend.

Karina: Es gibt diese Unterschiede definitiv. Um mal nur ein Beispiel zu nennen: In der allgemeinen Wahrnehmung machen Frauen alles falsch, egal was sie machen. Wenn sie sich für ihre Karriere statt Kinder entscheiden: Falsch. Wenn sie sich für ein Leben als Hausfrau entscheiden: Falsch. Wenn sie zwischen beiden Welten balancieren, Beruf und Kinder: Falsch. Da gibt es noch so viele Beispiele und egal wie man es dreht und wendet, es ist immer falsch. Würde man jedoch diese drei Beispiele auf einen Mann projizieren, dann macht er in den Augen der Gesellschaft alles richtig. Wenn er sich für seine Karriere entscheidet, statt eine Familie zu gründen: Zielstrebig. Wenn er sich für ein Leben als Hausmann entscheidet: Modern und löblich. Wenn er zwischen beiden Welten balanciert: Respekt.

Was bedeutet das langfristig gesehen für die Arbeitswelt: mit der Diversität zu arbeiten und die Chancen und Arbeitsweisen der Geschlechter zu nutzen oder die vollkommene Gleichberechtigung anzustreben und das Geschlecht sozusagen aufzulösen?

Karina: Wenn man das Geschlecht auflösen würde, könnte man auch gleich aus den Menschen Roboter machen. Es wäre stupide und langweilig. Das Leben zwischen Männern und Frauen kann schließlich auch im beruflichen Kontext sehr interessant sein. Jedoch wünsche ich mir als Frau weniger Druck, stattdessen mehr Aufklärung von der Gesellschaft. Der esellschaftliche Druck sickert ja schließlich bis runter in den Büroalltag und endet bei einem eigentlich nicht böse gemeinten, jedoch unangebrachten Kommentar einer Frau gegenüber. Mein Ziel wäre es in der Arbeitswelt, dass in der Denkweise kein Unterschied mehr mit Blick auf die Kompetenz gemacht wird, wenn eine Frau statt eines Mannes die Tür herein kommt.

Christine: Wir haben für unsere Firma entschieden, es einfach so zu machen, wie wir sind. Bunt, ab und an verspielt – es sei dahin gestellt, ob dies nun eher weiblich oder männlich eingeordnet wird. Hierbei wollen wir durch Leistung überzeugen. Wenn es Situationen gibt, in denen man merkt, dass man als junge Frau schon von vorne herein keine Chance bekommt oder das Gegenüber denkt, man würde für einen Hungerlohn arbeiten, dann tut dies in einem ersten Moment natürlich weh. Aber mit der Zeit entwickelt man eine gewisse Stärke, es prallt an einem ab. Der Hauptweg ist es also, Unternehmerinnen darin zu coachen, Sexismus zu erkennen (dieser manipuliert nämlich sehr oft sehr subtil), an sich abprallen zu lassen und ihnen so die Kompetenzen mit an die Hand zu geben, Dinge einzufordern. Es wird wahrscheinlich noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis das Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Aber es gibt einige Unternehmerinnen – vor allem auch im Saarland – die gemeinsam mit uns, hart daran arbeiten, dass wir Frauen endlich auch in angemessener Zahl auf dem Podium stehen – jenseits von frauen- und gründungsspezifischen Veranstaltungen. Denn man will ja nicht bis auf alle Ewigkeit nur Frau und/oder Anfängerin sein.

Herzlichen Dank für eure Meinung!

Mehr von Christine und Karina hört ihr am Donnerstag, 12 April um 19 Uhr im Garelly Haus. Gemeinsam mit der Schauspielerin Edda Petri, Dr. Cornelie Kunkat vom Deutschen Kulturrat (Referat für Frauen in Kultur und Medien), Josephine Ortleb von der SPD, Dr. Heike Mißler von Universität des Saarlandes (Anglistik/Gender Studies) sowie Darja Linder vom Haifischblut Collective werden Missstände aufgegriffen, Arbeitsbedingungen für Frauen in der Kreativwirtschaft diskutiert und Lösungsansätze angesprochen. Moderiert wird Thesentango von Svenja Burmann vom kreativzentrum.saar. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Netzwerkstelle Frauen im Beruf (FiB) und dem Frauenbüro Saarbrücken statt.

Die Interviews der anderen Teilnehmerinnen findet ihr hier.

Frauen in der Kreativwirtschaft Logoleiste

Frauen in der Kreativwirtschaft - Karina Hartwahn

Karina Hartwahn

Inhaberin | Art Director  bei Projekt Piñata

1988 in Taschkent (Usbekistan) geboren. 2014 schließt Karina ihr Studium als Kommunikationsdesignerin erfolgreich ab. Seither arbeitete sie bei Leo Burnett in Frankfurt, aber auch in diversen Software-Unternehmen im Saarland. Dies brachte ihr vor allem eins: Sie weiß heute mit absoluter Sicherheit, dass sie ihr eigenes Ding durchziehen will. Als Inhaberin von Projekt Piñata ist sie für den visuellen Bereich zuständig, den sie als Art Director innerhalb des Teams leitet. Eine Instastorie geht dabei immer noch!

Frauen in der Kreativwirtschaft - Christine Thull

Christine Thull

Inhaberin | Text & Konzept bei Projekt Piñata

1987 in Marnach (Luxemburg) geboren. Seither Texte in allen Erscheinungsformen verschlungen. Von der Cornflakes-Packung über Klassiker der Weltliteratur bis hin zu tweets – Christine liebt einfach gut geschriebene Texte. Als Inhaberin von Projekt Piñata ist sie für die Ausarbeitung von Strategien und Konzepten zuständig, außerdem leitet sie innerhalb des Teams den Bereich der Textgestaltung. Christine liebt Facebook wie am ersten Tag, dicht gefolgt von Pinterest und Instagram.

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