Künstlerin Darja Linder und Wissenschaftlerin Heike Mißler über Frauen in der Kreativwirtschaft

Frauen sind keine Anziehpuppen, längst nicht mehr nur Mütter und schon auf Chefpositionen diverser Unternehmen und Institutionen angekommen. Wann hören also die Vorurteile und die Ungleichbehandlung auf? Denn Gleichberechtigung fängt bei der Wahrnehmung an, nicht bei irgendeiner Quote. Zeit, Missstände, Erfolge und Wege zu erläutern und zu hinterfragen: Frauendomäne Kreativwirtschaft? Ein Märchen, das sich hartnäckig hält! Am 12. April wird im Garellyhaus über die Bedingungen für Frauen in der Kreativwirtschaft diskutiert. Wir stellen euch nacheinander die Podiumsteilnehmerinnen vor, heute die Künstlerin, Mitinitiatorin des Haifischblut Colletives und Veranstalterin des Ladyfests Darja Linder sowie die Wissenschaftlerin und Gender Studies Expertin Dr. Heike Mißler.
Frauen in der Kreativwirtschaft

Was bedeutet Feminismus für dich in der heutigen Zeit?

Heike: Für mich persönlich ist Feminismus der Leitfaden meines Denkens und Handelns. Ich mag bell hooks Definition: “Feminism is a movement to end sexism, sexist exploitation and oppression.“ (Feminism is for Everybody, viii)  weil sie so schön kurz, deutlich, und inklusiv ist. Unter Sexismus leiden alle – daher ist Feminismus eine Bewegung für alle die auf Grund ihres Geschlechts stigmatisiert oder benachteiligt werden – das gilt für Frauen, für Männer, und auch für alle anderen Geschlechteridentitäten, in unserer Kultur, und in anderen Kulturen.

Darja: Feminismus bedeutet für mich, dass alle Menschen unabhängig ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung gleichermaßen in der Gesellschaft respektiert werden und die gleichen Chancen erhalten sollen. Wie schon seit jeher und wahrscheinlich auch bei jeder anderen Bewegung, geht es darum, auf Missstände aufmerksam zu machen und aufzuklären. Durch die globale Vernetzung finden immer mehr Menschen Mut, Stellung zu beziehen. Das ist auf jeden Fall ein guter erster Schritt und eine tolle Entwicklung. Ich hoffe, dass diese Aktivität für die meisten nicht mit dem Posten eines Hashtags beendet ist.

Wo gibt es heute noch maßgebliche Unterschiede in der professionellen Wahrnehmung von Frauen und Männern?

Darja: Sieht man von den klischeebehafteten Rollenbildern ab, die immer noch in vielen Köpfen herrschen, ist die Bezahlung wohl eine maßgebliche Unterscheidung. Oder auch die Argumentation, dass junge Frauen risikobelastetere Arbeitsnehmer sind, da die „Gefahr“ einer Schwangerschaft besteht. Auch habe ich das Gefühl, das Frauen im Beruf immer noch sehr unterschätzt werden. In den meisten Bereichen, in denen ich mich bewege, also Kunsthochschule, Universität oder Konzertkollektiv, habe ich das Glück, eher wenig Diskriminierung ausgesetzt zu sein. In meinem Kneipen-Nebenjob sieht es da schon anders aus. Da gehört es sozusagen zum Berufsbild, Leute darauf hinzuweisen, dass man als Frau eher ungern „Mäuschen“ oder „Schätzchen“ gerufen wird, um nur den harmlosesten Fall zu nennen. Einer meiner früheren Chefs fand es auch angemessen, die Frauen im Team dazu aufzufordern, knappe Kleidung während der Arbeit zu tragen, weil das ja den Umsatz fördern würde. Insgesamt habe ich oft das Gefühl, dass das „Für sich einstehen“ eher ein beruflicher Bestandteil der Karriere einer Frau ist.

Heike: Ich denke, dass die Vorstellung, dass Männer auf Grund ihrer „natürlichen“ Gegebenheiten einfach härter um ihre Karriere kämpfen und daher zurecht die Mehrheit der Führungspositionen innehaben, sich sehr hartnäckig hält. Dieses Klischee schadet Männern ebenso wie Frauen: Nicht alle Männer haben Lust Karriere vor Familie zu schieben und ihre Kinder nur ein paar Stunden am Tag zu sehen. Und nicht alle Frauen haben Lust, sich stereotyp männliche Eigenschaften zuzulegen, um von den Kollegen akzeptiert zu werden. Ein anderes großes Problem ist die geschlechterspezifische berufliche Segregation – z.B. die Tatsache, dass mehrheitlich Frauen im (oft unterbezahltem) Fürsorgebereich arbeiten, weil auch hier davon ausgegangen wird, dass es irgendwie in unserer Natur liegt sich um andere zu kümmern. Es ist absurd, dass solche veralteten Rollenklischees unsere Arbeitswelt immer noch dominieren. Andererseits darf man nicht vergessen, dass deutsche Ehemänner noch bis 1976 das Recht hatten, den Arbeitsvertrag ihrer Frau gegen deren Willen zu kündigen wenn sie ihre familiären Pflichten vernachlässigte, und dass das Konzept der arbeitenden Frau als „Rabenmutter“ in Deutschland immer noch weit verbreitet ist. Von daher ist es vielleicht verständlich – wenn auch nicht akzeptabel – dass der Wandel in den Köpfen dem Wandel im Gesetz etwas hinterher hinkt.

Was bedeutet das langfristig gesehen für die Arbeitswelt: mit der Diversität zu arbeiten und die Chancen und Arbeitsweisen der Geschlechter zu nutzen oder die vollkommene Gleichberechtigung anzustreben und das Geschlecht sozusagen aufzulösen?

Heike: Eine Auflösung von Geschlecht halte ich nicht für realistisch – und auch nicht für wünschenswert. Ich finde zwar das Gedankenexperiment einer Welt ohne binäre Geschlechteridentitäten sehr spannend, weil man sich damit immer sehr schnell deutlich machen kann, wie viel Macht diese Kategorien haben und wie sehr sie unser Leben bestimmen. Aber um eine Auflösung von Geschlecht geht es der Geschlechterforschung ja auch gar nicht. Es geht eher darum aufzuzeigen, inwiefern soziale Konstrukte als biologische Tatsachen verkauft werden um alteingesessene Machtstrukturen aufrecht zu erhalten. Deshalb bleibt, um wieder auf die Arbeitswelt zurückzukommen, nur die Akzeptanz von verschiedenen Geschlechteridentitäten, die nicht festgelegt oder genormt sein dürfen (z.b. „alle Frauen wollen dies, alle Männer wollen jenes“), so dass auf individuelle Bedürfnisse unabhängig vom Geschlecht eingegangen werden kann.

Darja: Ich glaube ein Mittelweg wäre sinnvoll. Nicht nur Frauen werden durch das Ungleichgewicht der Geschlechterrollen diskriminiert, sondern au ch Männer. Möchte ein Mann beispielsweise Kindergärtner werden oder in einem anderen „weiblichen“ Berufsfeld arbeiten, so ist die geringe Bezahlung ein häufiges Argument dagegen. Die Vorstellung vom Mann als starkem Versorger ist ebenso kritisch zu betrachten, wie die Vorstellung von der schwachen, emotionalen Frau. Meiner Meinung nach sollte jeder Mensch in seinem Wunschberuf arbeiten können, ohne dass die Gefahr besteht, am Existenzminimum zu leben.
Auch sollten Kinder und Karriere keine Extreme im Lebensentwurf einer Frau darstellen. Der Fokus sollte auf der Unterstützung von Familien liegen, wobei es jeder/m freistehen sollte, das eigene Leben unabhängig vom Geschlecht gestalten zu können. Im Allgemeinen glaube ich, dass das Geschlecht keine Auswirkungen darauf hat, welchen Beruf man wie gut ausüben kann. Interesse und Qualifikationen sollten da eher die ausschlaggebenden Kriterien sein, als die zweigeschlechtlichen Rollenkonstrukte, die man anerzogen bekommt.

Herzlichen Dank für eure Meinung!

Mehr von Darja Linder und Heike Mißler hört ihr am Donnerstag, 12 April um 19 Uhr im Garelly Haus. Gemeinsam mit Karina Hartwahn und Christine Thull von Projekt Piñata, Dr. Cornelie Kunkat vom Deutschen Kulturrat (Referat für Frauen in Kultur und Medien), Josephine Ortleb von der SPD, Dr. Heike Mißler von Universität des Saarlandes (Anglistik/Gender Studies) und der Schauspielerin Edda Petri werden Missstände aufgegriffen, Arbeitsbedingungen für Frauen in der Kreativwirtschaft diskutiert und Lösungsansätze angesprochen. Moderiert wird Thesentango von Svenja Burmann vom kreativzentrum.saar. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Netzwerkstelle Frauen im Beruf (FiB) und dem Frauenbüro Saarbrücken statt.

Die Interviews der anderen Teilnehmerinnen findet ihr hier.

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Frauen in der Kreativwirtschaft Daria Linder

Darja Linder

Darja Linder (geb. 1992 in Thälmanskij, Russland) ist Lehramtsstudium mit der Fächerkombination Kunst und Deutsch, wobei der Fokus deutlich auf der Kunst liegt. 2013 ist sie dem Malerei Atelier von Prof. Gabriele Langendorf beigetreten und arbeitet bis heute dort. Seit drei Jahren ist sie darüber hinaus hochschulpolitisch tätig, seit zwei Jahren bekleidet sie das Amt der StuPa-Vorsitzenden der HBK Saar.

Neben ihrem Studium ist sie Teil des Haifischblut Collectives, einem Haufen junger engagierter Menschen, die zusammen auf non-profitabler Basis Konzerte veranstalten. Die Organisation des Lady*Festes lag ihr besonders am Herzen, da hier erstmalig sehr viele verschiedene Kreativbereiche zusammentrafen. Neben dem üblichen Schwerpunkt, der Musik, wurde dort auch Kunst, Theater, Forschung sowie zahlreichen weiteren Gebieten eine Bühne gegeben.

Frauen in der Kreativwirtschaft Heike Mißler

Dr. Heike Mißler

Heike Mißler studierte Englisch und Französisch an der Universität des Saarlandes. Ihre Promotion mit dem Titel „The Cultural Politics of Chick Lit: Popular Fiction, Postfeminism and Representation“ schloß sie 2014 ab. Seit 2015 arbeitet sie als Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Anglistik der Universität des Saarlandes und seit 2016 koordiniert sie das Zertifikat „Gender Studies“. Ihre Forschungsinteressen sind Gender und Queer Studies, Feminismus und Populärkultur, Postcolonial Studies und Critical Race Studies.

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